08. 02. 2012  
 
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Über Kriegsfibel

"Vor allem muß die Kriegsfibel in die Bibliotheken, Kulturhäuser, Schulen usw. (...) Ich wäre gern bereit, an diese Stellen selbst zu schreiben, denn diese tolle Verdrängung aller Fakten und Wertungen über die Hitlerzeit und den Krieg muß bei uns aufhören."

Diese Briefpassage vom Sommer 1956 verrät, dass Brecht sich schon knapp ein Jahr nach Erscheinen der Kriegsfibel als Buch um deren öffentliche Resonanz sorgt. Die Verkaufszahlen in Ost wie West waren deprimierend, eine breite gesellschaftliche Debatte kam nicht in Gang. Auch die 1957 veröffentlichten Vertonungen Eislers führten ein Schattendasein.

Ein halbes Jahrhundert später haben die Songs nichts an Brisanz verloren. Die Schauplätze wechseln - das Elend ist immer dasselbe. Es läuten Glocken, es krachen Salven, es wird gelitten und gestorben, auf der Erde und darunter. Der gebeugten Frau, die in Berliner Hinterhoftrümmern nach Überlebenden sucht, folgen Schwestern in aller Welt: in Hanoi, Kabul, Bagdad. Und stets erschreckt die unerklärliche Geduld, mit der die Völker ertragen, zusehen und wegsehen. Die Songs sind vierzehn Arten, den Krieg zu beschreiben. Mit geschliffenen Formulierungen, markanten Kontrasten, prägnanten Tonfolgen: Juwelen ihres Genres.

Die Idee zu einer Bearbeitung wuchs über lange Jahre, entstand schon Mitte der Achtziger. Ein Freund hatte die Songs zum Thema einer Abschlußarbeit gemacht, an der Musikhochschule, die den Namen des Komponisten trägt. Im Herbst 2002 ergab sich die Chance, bei Polyphenia aufzunehmen. Aus dem Experiment, einzelne Songs aus der Kriegsfibel in neuer Version einzuspielen, wurde ein komplettes Projekt. Jeder der eigenständigen Songs geriet während der Arbeit zu einer Herausforderung.

Die Fotos, die den Songs zu Grunde liegen, sammelte Brecht während der Zeit seines Exils aus Zeitungen. Sie zeigen Geschehnisse des Krieges - Schnappschüsse von Tätern und Opfern, Dokumente der Zerstörung und des Leidens. Die 1955 als KRIEGSFIBEL veröffentlichten neunundsechzig Bilder folgen einer inneren Logik der Zeit, der Orte und der Themen.

Die Texte fügen den Fotos in der Kürze von vier Zeilen eine Betrachtungsebene hinzu. Brecht nannte sie "Fotoepigramme". Sie erklären nicht, sie kommentieren. Sie mildern kein Elend, sie verweisen auf dessen Ursache und Kontext. Damit zeugen sie von zeitlosen Einsichten in die Maschinerie des Krieges.

Die Musik komponierte Hanns Eisler 1957. Er vertonte vierzehn Fotoepigramme für kleines Ensemble, Sänger und Chor. Die geplanten Zwischenmusiken blieben unausgeführt.


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